Alle Überlegungen, die bisher zur
Angebotsfunktion angestellt wurden,
waren unabhängig von der Fristigkeit der Betrachtung. Aus einer
kurzfristigen Kostenfunktion lässt sich über die Regel "Preis
gleich Grenzkosten" die Angebotsfunktion für eine Unternehmung
ebenso ermitteln wie aus einer langfristigen. Kurzfristig hat
die Unternehmung aber nicht die Möglichkeit, alle Produktionsfaktoren
optimal anzupassen. Das lässt folgende Plausibilitätsüberlegung
zu: In Abbildung 1 sei zum Preis p* die Menge x* das langfristig
optimale Angebot, bei dem die Unternehmung beide Produktionsfaktoren,
Arbeit und Kapital, optimal einsetzt. Kurzfristig kann die Produktion
nur an veränderte Preise angepasst werden, indem der (als
kurzfristig variabel angenommene) Arbeitseinsatz variiert wird.
Eine Ausdehnung der Produktion bei steigendem Marktpreis würde
dann höhere Grenzkosten verursachen (blau) als langfristig in
Kauf zu nehmen wären. Denn auf lange Sicht könnte ja auch der
Kapitaleinsatz wieder optimal gestaltet werden (rot), d. h. die
Unternehmung wieder die kostenminimale Kapitalintensität
wählen.
Kurz- und langfristige Angebotsfunktion. Da die Unternehmung sich auf lange Sicht besser an veränderte Marktbedingungen anpassen kann, fällt die langfristige (rot) Reaktion auf Preisänderungen elastischer aus als die kurzfristige (blau).
Denken Sie bitte nach über die Elastizität des Angebots an Wohnraum und an Erdbeeren innerhalb eines halben Jahres.
Umgekehrt wäre im Fall eines rückläufigen Marktpreises zu beobachten, dass die Unternehmung ihr Angebot einschränken wollte. Zwar kann sie sofort mit einer Reduktion des Arbeitseinsatzes (zu deutsch: Entlassungen) reagieren, der Kapitaleinsatz ist dann aber kurzfristig überoptimal. Das bedeutet, die Kosten gehen mit der Produktionsminderung kurzfristig nicht so stark zurück wie langfristig. Somit liegt die kurzfristige Grenzkostenkurve unter der langfristigen. Das bedeutet, dass kurzfristige Anpassungen der Unternehmung an Preise weniger elastisch erfolgen als langfristige.
Nun, dieser Zusammenhang ist etwas schwierig. Vielleicht kann
ihn das folgende Beispiel verdeutlichen: Angenommen, eine Unternehmung
produziert mit der linear homogenen Produktionsfunktion X=L0.5K0.5
vom Cobb-Douglas-Typ.
Die
konstanten Skalenerträge führen dann zu langfristig konstanten
Stückkosten. Liegt der Preis genau auf der Höhe der langfristigen
Stückkosten, ist das Angebot unbestimmt, denn jede Produktionsmenge
führt zu einem Gewinn in Höhe von null. Auf Preisänderungen würde
das Unternehmen langfristig sehr sensitiv reagieren, denn die
langfristige Grenzkostenkurve verläuft bei konstanten Stückkosten
waagerecht. Kurzfristig kann aber nur der Faktor Arbeit
angepasst
werden. Die Erträge unterliegen in der kurzen Frist dem Gesetz
vom abnehmenden Ertragszuwachs, so dass steigende Grenzkosten vorliegen.
Also besitzt die Angebotsfunktion kurzfristig eine positive Steigung.
Während die langfristige Angebotsfunktion in diesem Beispiel also
unendlich elastisch ist, besitzt die kurzfristige Angebotsfunktion eine endliche Elastizität.
Auf lange Sicht kommt noch ein weiterer wichtiger Faktor hinzu.
Langfristig können Unternehmen in den Markt eintreten oder ausscheiden.
Darauf geht der
übernächste Abschnitt ein.