Die Verhaltensannahme im Cournotschen Duopolmodell unterstellt,
dass die beiden Oligopolisten "autonom"
handeln, d. h. mögliche Reaktionen des jeweiligen Konkurrenten
nicht in das eigene Kalkül einbeziehen. Das ist offensichtlich
sehr unwahrscheinlich. Dennoch lohnt sich die Analyse. Zum
einen
handelt es sich um das erste wohlformulierte Oligopolmodell überhaupt,
an dem sich die Entwicklung weiterer Modelle wesentlich orientierte,
zum anderen kann man das Modell als einen frühen Beitrag
zur Spieltheorie begreifen. So handelt es sich z. B. bei der
Lösung
im weiter
unten behandelten Gefangenendilemma
um ein Cournot-Gleichgewicht.
Daneben wird angenommen, die Duopolisten konkurrieren, indem
sie als Mengenfixierer auftreten. Ihre "Wettbewerbswaffe"
ist also die Menge, die sie auf den Markt bringen. Sie konkurrieren
nicht über den Preis. Auch das wäre eine plausible Verhaltensannahme,
deren Konsequenzen sich selbstverständlich ebenfalls untersuchen
lassen (s.
Betrand-Modell).
Obwohl es sich eigentlich um ein statisches Modell handelt, kann man sich den Preisbildungsprozess im Cournotschen Duopol dynamisch vorstellen. Um die Analyse so einfach wie möglich zu gestalten, sei ein Mineralwasserduopol* unterstellt, d. h. es fallen keine Kosten an:
Der Duopolist, der "gerade am Zug ist", maximiert seinen
Gewinn (Gewinn = Umsatz), wenn er genau die Hälfte der noch
nicht befriedigten Nachfrage anbietet (die direkte Preiselastizität
seines Absatzes ist dann eins, was nach der
Amoroso-Robinson-Relation seinen Umsatz maximiert). Eine "Spielrunde" soll jeweils
einen "Zug" beider Duopolisten umfassen.
Periode 1: Anbieter 1 ist als Monopolist am Markt. Wird die Sättigungsmenge auf xS = 1 normiert, dann ist sein gewinnmaximierendes Angebot x1 = ½. Jetzt kommt Anbieter 2 hinzu. Er bietet die Hälfte der noch verbliebenen Nachfrage an: x2=½(1 -x1), also x2 = ¼ an. Das Angebot beider Duopolisten zusammen beträgt somit ¾.
Diese erste Spielrunde ist in der maussensitiven Abbildung 1 dargestellt. Ausgangs ist die Monopolsituation zu erkennen. Wenn man die Maus über das Diagramm bewegt, kann man die Gewinnmaximierungsüberlegung für Anbieter 2 sehen. Durch sein Hinzutreten sinkt der Preis zum Ende der ersten Runde auf p2.
[Maussensitive Grafik] Veränderung des Monopolangebots durch Markteintritt eines Duopolisten: erste Spielrunde im Cournot-Modell. Bewegen Sie den Mauszeiger über das Diagramm, um die Angebotsentscheidung des eintretenden Duopolisten zu sehen.
Periode 2: Anbieter 1 reagiert auf die neue Situation. Er fasst die Angebotsmenge von Anbieter 2 als gegebene Größe auf und geht davon aus, dass Anbieter 2 auf eine Veränderung seines eigenen Angebots nicht reagieren wird. Sein gewinnmaximierendes Angebot ist jetzt x1= ½ (1 - x2), also x1= ½ (1 - ¼) = 3/8. Anbieter 2 reagiert aber doch – und zwar in der gleichen Art und Weise wie Anbieter 1 – mit x2 = ½ (1 – 3/8) = 5/16. Das gesamte Angebot ist jetzt 11/16. Und so geht es weiter ... und weiter ... und weiter ...
Periode 3:![]()
Periode 4:![]()
... oder tabellarisch zusammengefasst:
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Wie man Tabelle 1 entnehmen kann. entwickelt sich das Angebot
des Anbieters 1 der Reihe
folgend; das Angebot des Anbieters 2 nach
.
Um das Angebot von Anbieter 2 nach einer beliebigen Zahl von Perioden berechnen zu können, wird folgende Nebenrechnung vorgenommen:
![[Formel]](gifs/Oligopol/c18.gif)
Mit dieser Formel bestimmt man für Anbieter 2 mit a = ¼
einen Grenzwert seines Angebots für
von x2 = 1/3. Analog kann man für die etwas kompliziertere
Reihe von Anbieter 1 die Lösungsformel
entwickeln
und findet für a = ½ ebenfalls einen Grenzwert in Höhe von
x1 = 1/3.
Da beide Anbieter im Gleichgewicht 1/3 anbieten, spricht man von der Cournotschen 2/3-Lösung.
Um ein Gleichgewicht handelt es sich, da kein Anbieter einen Anlass hat, seine Entscheidung zu ändern, solange der andere bei seiner Entscheidung bleibt. Wenn Anbieter 1 ein Drittel der Sättigungsmenge anbietet, dann ist es für Anbieter 2 optimal, ebenfalls ein Drittel der Sättigungsmenge anzubieten – und umgekehrt.
Man überlegt leicht, dass die Lösung für die beiden Duopolisten bei unverändertem Verhalten zwar stabil, aber nicht optimal ist. Der maximale Umsatz, den der Markt hergibt, ist der Monopolumsatz. Jede andere Menge – wie sie zwischen beiden Anbietern auch immer aufgeteilt sein mag – bringt einen geringeren Umsatz. Die beiden Duopolisten könnten sich also verbessern, wenn sie ihre Produktionsmenge einvernehmlich von 2/3 auf ½ reduzieren, m.a.W. wenn sie kartellieren.
Das ist natürlich zugleich ein ganz
wesentlicher Kritikpunkt am Cournotschen Oligopolmodell. Die
Anbieter
werden erkennen, dass sie sich verbessern können. Sie
wären also "schön dumm", wenn sie an ihrem
stereotypen (autonomen) Verhalten festhielten. Ohnehin werden
sie ja von Spielrunde
zu Spielrunde enttäuscht, denn entgegen ihrer Erwartung
reagiert der Wettbewerber jeweils auf die eigenen Absatzentscheidungen.
Der Kritikpunkt stimmt somit überein mit einer Kritik, die
auch am
Cobweb-Modell geübt
wurde: in beiden Modellen sind die Anbieter nicht lernfähig.
Im Abschnitt "Kartelle und Gefangenendilemma" finden Sie ein
ausführliches Zahlenbeispiel mit Kosten zu den Modell von Cournot, von Stackelberg und Bertrand.
Die Mineralwasserannahme stellt keinen Kritikpunkt am Modell dar. Die Hinzunahme von Kosten ändert an den grundsätzlichen Ergebnissen nichts . Und in gewisser Hinsicht besitzt das Cournotsche Gleichgewicht auch Charme, zeigt es doch, dass sich die Duopolisten bewegen müssen, um sich zu verbessern. So kann man vielleicht daraus lernen, dass eine Situation nur vermeintlich optimal ist, weil man versäumt hat, dem Gegner (oder Partner?) Kooperationsangebote zu unterbreiten.
Das wesentliche Ergebnis ist aber folgendes:
Verglichen mit der Lösung im Mineralwassermonopol steigt die Menge und der Preis sinkt.
Die
analoge Verhaltensannahme in einem
Tripol-Modell würde eine
¾-Lösung herbeiführen. Bei vier Anbietern käme
es zu einer 4/5-Lösung u.s.w., so dass sich die Angebotsmenge
mit der Zahl der Anbieter an die Konkurrenzmenge annähert,
die im Mineralwasserfall bei der Sättigungsmenge 1 läge.
Eine wichtige Botschaft des Cournot-Modells lautet somit, dass
mit der Zahl der Anbieter auf einem Markt der Preis sinkt und
die Menge steigt. Oder kürzer:
Mehr Wettbewerb, kleinere Preise.