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Prinzipiell bereitet es keine Schwierigkeiten, die Budgetrestriktionen von Haushalten zu beobachten. Natürlich geben Haushalte ungern Auskunft über ihre Einkommenssituation, dennoch ist das Einkommen im Grunde beobachtbar. Da sich die Preise der Güter ebenfalls feststellen lassen, sind alle Informationen zur Konstruktion der Budgetgerade vorhanden.

Es interessiert aber gar nicht so sehr, was sich die Haushalte leisten können. Vielmehr ist man natürlich daran interessiert, wie ihre Konsumentscheidung ausfallen wird und wie die Haushalte auf Preis- und Einkommensänderungen reagieren werden. Nun gehrt nicht viel Fantasie dazu, sich vorzustellen, dass es Haushalte mit gleich hohem Einkommen gibt, die unterschiedliche Güter erwerben, obwohl sie auch sonst in allen beobachtbaren Merkmalen identisch sind. Dass gleiche ökonomische Restriktionen nicht notwendig zu gleichen Konsumentscheidungen führen, liegt offensichtlich in den Konsumwünschen der Haushalte begründet. Einer mag dies, der andere mag das.

Die Konsumwünsche lassen sich nicht so einfach ermitteln wie Einkommen oder Güterpreise. Das liegt allein schon darin begründet, dass für die Wünsche kein Maßstab existiert.

Aber die Kaufentscheidungen, die aus den Konsumwünschen resultieren, lassen sich beobachten. Mit dieser Beobachtung gewinnt man immerhin einen kleinen Einblick in die "Wunschstruktur" des Haushaltes. Wenn man davon ausgeht - und darauf haben wir uns hier ja verständigt - dass die Haushalte aus einem Bündel von Alternativen immer die bestmögliche Alternative wählen , dann muss man die Entscheidung eines Haushalts für ein bestimmtes Konsumbündel wie folgt interpretieren: Es ist in den Augen des Haushalts das beste Konsumbündel, das er sich mit seinem Einkommen bei den gegebenen Güterpreisen kaufen konnte. Mit anderen Worten: Es ist das beste Konsumgüterbündel aus dem Budgetraum.

Ganz sicher kann man sich nicht sein. Es wäre möglich, dass es zwei oder mehrere "beste" Konsumgüterbündel gäbe, zwischen denen sich der Haushalt nicht entscheiden könnte, also indifferent wäre. Um dies auszuschließen, sei eine weitere Annahme getroffen: Für jedes gegebene Einkommen und gegebene Preise gibt es ein bestes Konsumgüterbündel für den Haushalt.

Wenn er Güter kauft, dann offenbart er damit teilweise seine Konsumwünsche (oder allgemeiner Präferenzen). Wer sich Schokoladeneis kauft, obwohl er sich auch Erdbeereis hätte kaufen können, bekundet seine Präferenz für Schokoladeneis. Das ist der Grund, warum dieser Abschnitt mit "Offenbarte Präferenzen" überschrieben ist. Ebenso gebräuchlich ist der Terminus "Bekundete Präferenzen".*

Nun kann es natürlich sein, dass der Haushalt, der sich eben noch für Schokoladeneis entschieden hat, sich jetzt plötzlich für Erdbeereis entscheidet. Eine mögliche Erklärung wäre, dass sich zwischenzeitlich seine Präferenzen verändert haben. Ganz auszuschließen wäre das nicht. Aber es wäre eine schwache Erklärung, denn auf diese Art und Weise könnten wir jede Verhaltensänderung mit dem Satz "... dann haben sich eben die Präferenzen geändert" begründen. Man sollte also zunächst nach überzeugenderen und nachprüfbaren Erklärungen suchen. Eine denkbare Erklärung für den Wechsel von Schokoladen- auf Erdbeereis wäre, dass Schokoladeneis im Preis gestiegen ist.*


Die folgende Abbildung zeigt nicht mehr nur die Budgetgerade eines Haushaltes, sondern mit dem Punkt P ein Güterbündel, für das sich der Haushalt entschieden hat. Ein anderer Haushalt würde sich in der gleichen Situation vielleicht für ein anderes Güterbündel wie z. B. R entscheiden. Der Haushalt, den wir betrachten, hat sich aber für P entschieden. Damit offenbart er seine Präferenzen dahingehend, dass nun bekannt ist, dass das Güterbündel P in seinen Augen besser ist als die Güterbündel R, S und T, die er sich ja ebenfalls hätte kaufen können. Aber P ist nicht nur besser als R, S und T, sondern besser als alle anderen Güterbündel im Budgetraum. Sonst hätte sich der rational handelnde Haushalt nicht für P entschieden.

Abbildung 1

Ausgangssituation für die nachfolgende Analyse: Der Haushalt zeigt durch die Wahl von P, dass er P gegenüber allen anderen Bündeln im gelben Bereich (Budgetraum) bevorzugt.

Allerdings kann nicht festgestellt werden, ob P auch besser als Q ist. Zwischen P und Q konnte sich der Haushalt nämlich nicht entscheiden. Vielleicht hätte der Haushalt Q gewählt, wenn er es sich hätte leisten können - wir wissen es nicht.

Da uns in erster Linie interessiert, wie der Haushalt mit seinem optimalen Konsumgüterbündel auf die Veränderung von Preisen oder Einkommen reagiert, lassen wir den Preis für das Gut X in Abb. 2 im Vergleich zur Ausgangssituation steigen. Die Preissteigerung ändert die schwarze Budgetgerade AB in die rote Budgetgerade AC.

Abbildung 2

Durch einen Preisanstieg bei Gut X dreht sich die Budgetgerade AB um A in die neue Budgetgerade AC. Der Haushalt kann den ursprünglichen Konsumpunkt P nicht mehr erreichen.

Nach der Preiserhöhung kann sich der Haushalt das Güterbündel P nicht mehr leisten. Vielleicht würde er jetzt das Güterbündel S wählen , das auf der neuen Budgetgerade liegt. Vielleicht würde er aber auch ein anderes Güterbündel wählen. Wir wissen es wiederum nicht.

Nun gibt es jedoch einen pfiffigen "Kunstgriff", der uns weiterbringen wird. Dazu lassen wir etwas geschehen, was sich in der Realität allenfalls zufällig ereignen würde. Wir lassen das Einkommen des Haushalts um exakt den Betrag steigen, den der Haushalt benötigt, um das Konsumgüterbündel P auch nach der Preissteigerung noch kaufen zu können. Da eine solche Kompensation im Einkommen für Preissteigerungen nur in Gedanken (im Modell) erfolgt, wird sie "hypothetisch" genannt.

Ein kleines Zahlenbeispiel soll verdeutlichen, was geschieht: Angenommen ein Haushalt kauft jeden Tag eine Schachtel Zigaretten zum Preis von 5,00 €. Die betrachtete Periode sei ein Monat (30 Tage). Der Preis für eine Schachtel Zigaretten steige auf 6,50 €. Wenn der Haushalt nach der Preissteigerung die gleichen Mengen aller Güter wie vor der Preissteigerung kaufen können soll, muss sein Einkommen um 45,00  € erhöht werden.

Eine Einkommenserhöhung verschiebt die Budgetgerade parallel nach außen. Die hypothetische Einkommenserhöhung muss so hoch sein, dass sie die rote Budgetgerade AC so weit nach außen schiebt, bis sie durch den ursprünglichen Konsumpunkt P verläuft (blaue Budgetgerade DE in Abb. 3).

Abbildung 3

Durch eine (hypothetische) Einkommenserhöhung, die die rote in die blaue Budgetgerade verschiebt, wird der Haushalt in die Lage versetzt, trotz des gestiegenen Preises für X wieder das Konsumbündel P zu erwerben.

Wir wollen uns noch einmal verdeutlichen, was wir aus der hypothetischen Budgetgerade DE ablesen können. Erstens verläuft sie parallel zur roten Budgetgerade AC. Die Interner LinkSteigung der Budgetgeraden wird allein durch das Verhältnis der Güterpreise bestimmt. Also gelten auf DE die Preise nach der Preissteigerung für das Gut X. Zweitens verläuft sie durch den Punkt P. Das bedeutet, der Haushalt könnte sich das Güterbündel kaufen, das er in der Ausgangssituation gewählt hat.

Welches Güterbündel der Haushalt jetzt tatsächlich kaufen würde, können wir wiederum nicht angeben. Aber wir können feststellen, welche Güterbündel er bestimmt nicht kaufen wird. Bis auf das Bündel P selbst wird der Haushalt kein Bündel aus dem Bereich APE0 wählen . Diese Güterbündel hätte er ja bereits in der Ausgangssituation erwerben können. Da er sich in der Ausgangssituation aber für P entschieden hat, wissen wir, dass P in seinen Augen besser ist als alle anderen Güterbündel im Bereich APE0.

Es gibt aber auch eine Menge anderer Güterbündel (genau genommen unendlich viele), die wir nicht als mögliche Kandidaten für ein neues optimales Güterbündel des Haushalts ausschließen können, da wir bisher keine Wahlentscheidung des Haushalts beobachten konnten, in die diese Güterbündel einbezogen waren. Es handelt sich um alle Güterbündel im Bereich APD und es ist ohne weiteres möglich, dass es in diesem Bereich Güterbündel gibt, die der Haushalt P vorzieht.

Wir haben damit zwei Bereiche von Güterbündeln im Diagramm ausmachen können: den Bereich APE0, in dem das optimale Konsumgüterbündel nach der Preissteigerung sicher nicht liegen wird,* und den Bereich APD, aus dem das neue optimale Konsumgüterbündel stammen muss. Zur Verdeutlichung sind die beiden Bereiche in Abb. 4 grün und grau hervorgehoben. Außerdem ist in Abb. 4 die senkrechte Hilfslinie durch P verlängert und ein kleiner Pfeil zu sehen, der das eigentliche Ergebnis der Überlegungen anzeigen soll. Der grüne Bereich, aus dem das neue Güterbündel stammen muss, umfasst ausschließlich Mengen von X, die kleiner gleich xP sind. Das bedeutet, dass die Preissteigerung bei X auf keinen Fall dazu führen wird, dass die Nachfrage nach X zunimmt, wenn das reale Einkommen des Haushalts konstant gehalten wird.

Abbildung 4

Da infolge der offenbarten Präferenz für P das optimale Güterbündel nur im grünen Bereich APD liegen kann, kann die Nachfrage nach dem teurer gewordenen Gut X unmöglich ansteigen, wenn das reale Einkommen des Haushalts konstant gehalten wird.

Dabei wird unter "Konstanthalten des realen Einkommens" verstanden, dass der Haushalt vor und nach der Preisänderung ein Einkommen bezieht, mit dem jeweils auf den Pfennig genau das Güterbündel P bezahlt werden kann. Er kann sich also die gleichen Mengen an "realen Gütern" kaufen. Das nominale Einkommen steigt durch die Kompensationszahlung.

Eine Preisänderung bedeutet immer auch eine Änderung des realen Einkommens. Wenn ein Preis steigt, dann sinkt das reale Einkommen, da der Haushalt nicht mehr in der Lage ist, die gleichen Gütermengen wie vor der Preissteigerung zu erwerben (der Budgetraum verkleinert sich). Umgekehrt geht eine Preissenkung mit einer Steigerung des realen Einkommens einher. Preisänderungen lassen sich also nicht isoliert beobachten, da sich mit dem Preis eines Gutes immer auch das reale Einkommen verändert.

Diesen Begleiteffekt haben wir durch die hypothetische Einkommenskompensation ausgeschaltet. So haben wir den reinen Preiseffekt isoliert und konnten feststellen, dass die nachgefragte Menge eines Gutes bei konstant gehaltenem Einkommen zurückgehen, im Grenzfall gleich bleiben wird, wenn der Preis des Gutes steigt.

Hingegen ist es (theoretisch) ohne Weiteres denkbar, dass die Nachfrage nach einem im Preis gestiegenen Gut zunimmt, wenn der Haushalt für die Preissteigerung nicht im Einkommen kompensiert wird. Dazu betrachten wir Abb. 5. Wenn P in der Ausgangssituation optimal war, spricht nichts dagegen, dass nicht S nach der Preissteigerung optimal ist. S liegt aber rechts von P und enthält somit mehr von Gut X.

Abbildung 5

Giffen-Fall: Wenn P in der Ausgangssituation für den Haushalt die optimale Wahl war, spricht nichts dagegen, dass er sich nach dem Preisanstieg für S entscheidet, obwohl S mehr von Gut X enthält als P.

Gleichwohl ist bekannt, dass solche Fälle empirisch äußerst selten auftreten. Güter, die nach einer Preissteigerung vermehrt nachgefragt werden, heißen GlossareintragGiffen-Güter. Dazu findet sich am Ende dieses Abschnitts ein Interner LinkZahlenbeispiel.

Wenn Preisänderungen immer auch mit einer Änderung des realen Einkommens einhergehen, ist es sicherlich sinnvoll, zu betrachten, wie die Nachfrage nach Gütern auf Einkommensänderungen reagiert. Dazu betrachten wir in Abb. 6 eine Ausgangssituation P und lassen das Einkommen ansteigen, wodurch sich die Budgetgerade von AB auf CD parallel nach außen verschiebt.

Abbildung 6

Durch einen Einkommensanstieg verschiebt sich die Budgetgerade von AB nach CD. Anhand der Lage des neuen Konsumpunktes im Bereich I, II oder III wird entschieden, ob es sich bei X und Y um superiore oder inferiore Güter handelt (I: Y ist superior, X ist inferior; II: beide Güter sind superior; III: X ist superior, Y ist inferior).

Durch die Hilfslinien durch P wird das Diagramm so unterteilt, dass auf der neuen Budgetgerade leicht auszumachen ist, ob die nachgefragte Menge eines Gutes im Vergleich zur Ausgangssituation P sinkt, steigt oder gleich bleibt. Die Hilfslinien teilen das Diagramm zugleich in die vier Bereiche I bis IV. Wenn wir davon ausgehen, dass der Haushalt sein gesamtes Einkommen ausgibt, muss der neue Konsumpunkt auf der neuen Budgetgerade liegen. Damit scheidet der vierte Bereich aus, in dem der Haushalt im Vergleich zur Situation P von beiden Gütern weniger nachfragen würde.

Läge der neue Konsumpunkt im Bereich II, würde der Haushalt infolge der Einkommenssteigerung von beiden Gütern mehr nachfragen. In diesem Fall würden beide Güter als normal oder superior bezeichnet. Läge der neue Konsumpunkt im Bereich I, stiege die Nachfrage nach Gut Y, während die Nachfrage nach Gut X sinken würde. Dann wird Y superior (oder normal) und X inferior genannt. Im Bereich III wäre es genau umgekehrt. X wäre das superiore Gut und Y das inferiore. Also:

Ein Gut heißt superior (inferior), wenn es infolge einer Einkommenssteigerung vermehrt (vermindert) nachgefragt wird.

Ein Gut kann für einen Haushalt superior und zugleich für einen anderen inferior sein. Selbst innerhalb eines Haushalts kann das gleiche Gut in bestimmten Situationen superior, in anderen inferior sein. So ist es ohne weiteres möglich, dass ein Gut bei einem niedrigen Haushaltseinkommen superior und bei einem höheren Einkommen inferior ist. Interner LinkHierauf kommen wir später ausführlich zurück. Im Moment soll uns die Information genügen, dass man zwischen superioren und inferioren Güter unterscheiden kann, je nachdem ob die Nachfrage nach ihnen mit steigendem Einkommen zunimmt oder zurückgeht.

Aus empirischen Untersuchungen ist bekannt, dass die meisten Güter superior sind. Nach Beispielen für inferiore Güter muss man sich sogar regelrecht auf die Suche machen (ein Standardbeispiel ist Margarine). Es kann auch kaum überraschen, dass im Regelfall die nachgefragten Gütermengen zunehmen, wenn die Haushalte über höhere Einkommen verfügen.


Schaubild 1

Auch wenn bei einem inferioren Gut der Gesamteffekt einer Preiserhöhung fraglich ist, muss nicht der Giffen-Fall eintreten. Das ist eher unwahrscheinlich, denn der Einkommenseffekt müsste den Preiseffekt überkompensieren.

Diesen Aspekt bringen wir nun mit unseren theoretischen Überlegungen zusammen. Wenn ein Gut im Preis steigt, sinkt zugleich das reale Einkommen. Der isolierte Preiseffekt bewirkt, dass die Nachfrage zurückgeht (oder im Grenzfall gleich bleibt). Ist das Gut superior, geht die Nachfrage überdies infolge des real gesunkenen Einkommens zurück:

Beide Effekte wirken in die gleiche Richtung. Bei superioren Güter muss die Nachfrage infolge einer Preissteigerung sinken. Das wollen wir als Gesetz der Nachfrage festhalten.

Die Aussage, dass steigende Preise zu einem Rückgang der Nachfrage führen, ist damit in aller Regel richtig. Sie kann überhaupt nur dann falsch sein, wenn das betrachtete Gut inferior ist. Sie muss aber nicht falsch sein, da hier zwei Effekte gegeneinander wirken, von denen nur empirisch im Einzelfall zu klären ist, welcher der beiden überwiegt. Der Rückgang im realen Einkommen infolge einer Preissteigerung ist bei einem inferioren Gut eine Steigerung der Nachfrage aus. Wenn diese Nachfragesteigerung größer ist als der Nachfragerckgang infolge des isolierten Preiseffekts, liegt der Sonderfall des Giffen-Gutes vor. Im Allgemeinen wird man davon ausgehen dürfen, dass der reine Preiseffekt* den Einkommenseffekt bertrifft. Bis auf den seltenen Ausnahmefall des Giffen-Gutes kann man also sagen: Wenn der Preis steigt, geht die Nachfrage zurück.


 

Ein Zahlenbeispiel zum Giffen-Gut ...

Giffen-Gut

Dieses Zahlenbeispiel mag recht konstruiert wirken. Das liegt nicht zuletzt daran, dass Giffen-Güter eben außergewöhnliche Fälle sind:

Ein Bettler "ernährt" sich nur von Alkohol. Jeden Tag spürt er das Verlangen, wenigstens 1,2 Promille erreichen zu wollen. Dies ist seine "erste Präferenz". Alles andere tritt dahinter zurück. Zurzeit erreicht er dies, indem er sich 5 Flaschen Wein aus dem Supermarkt zu je 2 € und 2 Schnäpse in der Kneipe zu je 2,50 € leistet.

Das kostet ihn insgesamt 15 € und es sei angenommen, dies ist der Betrag, den er sich Tag für Tag zusammenbetteln kann. Andere Einkommen hat er nicht.

Eine Flasche Wein lässt seinen Alkoholpegel um 0,20 Promille steigen, ein Schnaps um 0,15 Promille. Eigentlich trinkt er lieber in der Kneipe einen Schnaps, aber würde er sein Erbetteltes nur für Schnaps ausgeben, dann würde er seinen Mindestalkoholpegel nicht erreichen. Er könnte sich nämlich nur 6 Schnäpse leisten, was nicht einmal für einen Pegel von 1 Promille reichen würde. Aber wenn er es sich leisten könnte - z. B. sich die Betteleinnahmen plötzlich verdoppeln würden - dann tränke er nur noch Schnaps in der Kneipe. Das ist seine "zweite Präferenz": Lieber einen Schnaps als einen Wein.

Nun steige der Preis für eine Flasche Wein auf 2,50 €. Im Regelfall würde man nun erwarten, dass seine Weinnachfrage sinkt und die Schnapsnachfrage steigt. Jedoch: Die einzige Möglichkeit für den Bettler, den Pegel von 1,2 Promille zu erreichen, besteht nun darin, dass er sich 6 Flaschen Wein kauft (6 Fl. a 0,2 ergeben gerade 1,2 Promille). Dafür gibt er exakt die erbettelten 15 € aus. Man überprüft leicht, dass ein einziges Glas Schnaps sein Budget so sehr schrumpfen ließe, dass die erste Präferenz nicht mehr erfüllt werden könnte.

Obwohl der Wein teurer geworden ist, fragt er nun mehr davon nach.


Warum ist das so? Wenn Wein teurer wird, dann sinkt sein reales Einkommen stark, denn er hat schon in der Ausgangssituation einen großen Anteil seines Einkommens für Wein ausgegeben. Würden wir ihm nun jeden Tag 2,50 € zusätzlich in den Hut werfen, dann könnte er sich weiterhin 5 Flaschen Wein und 2 Schnäpse kaufen. Wir hätten sein reales Einkommen konstant gehalten (5*0,50 = 2,50 € gleicht die Preissteigerung beim Wein gerade aus). Das würde er aber gar nicht tun wollen, denn wir wissen ja: eigentlich trinkt er lieber Schnaps in der Kneipe. Tatsächlich wäre nach der Einkommenskompensation Folgendes möglich: Er kauft sich 4 Flaschen Wein und 3 Schnäpse: 4*2,50 € + 3*2,50 € = 17,50 €. Mit dieser "Mischung" erreicht er den angestrebten Alkoholpegel (4*0,20 + 3*0,15 = 1,25).

Quintessenz: Die Ursache für das atypische Nachfrageverhalten ist der starke Effekt, der beim Einkommen auftritt. Mit steigendem Einkommen trinkt der Bettler nämlich immer weniger Wein und immer mehr Schnaps, den er ja lieber trinkt, sofern er ihn sich leisten kann. Wein ist für den Bettler ein inferiores Gut (negative Einkommenselastizität). Nur solche inferioren Güter können überhaupt Giffen-Güter sein -- und zwar in dem äußerst unwahrscheinlichen Fall, dass der Einkommenseffekt den reinen Preiseffekt (Substitutionseffekt) überkompensiert -- deswegen wirkt das Beispiel auch so konstruiert. Den reinen Preiseffekt konnten wir beim Bettler beobachten, als wir sein Einkommen konstant gehalten haben. Da hat er eine ganz normale Reaktion gezeigt: Weniger vom teurer gewordenen Wein und mehr vom relativ billiger gewordenen Schnaps gekauft (Gesetz der Nachfrage).

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