Sie müssen den Abschnitt zur
Edgeworth-Box gelesen haben. Sonst werden Sie Probleme haben, diese Seite zu verstehen.
Haben Sie die Konstruktionsweise der
Edgeworth-Box einmal verstanden und
sind sich über die
Gleichgewichtsbedingung auf der Kontraktkurve im
klaren, so sollte man die Ausführungen in diesem Abschnitt leicht nachvollziehen
können. Auf der Produktionsseite kommt nämlich genau dasselbe
Instrumentarium zum Einsatz. Es ändern sich allein die Bezeichnungen.
Der Übergang von der Tausch- zur Produktionsbox ist vergleichbar
dem von
Haushaltsgleichgewicht zur
Minimalkostenkombination. Der einzige
Unterschied besteht dort wie hier darin, dass sich das Ziel der effizienten Produktion (oder im dualen Problem der minimalen Kosten) nun im Gegensatz
zum Nutzen kardinal messen lässt.
Aus den Konsumenten des vorigen Kapitels werden jetzt Produzenten. Wir gehen aus von einem Produzenten und einer Produzentin, die in zwei Betrieben unter Einsatz der Produktionsfaktoren Kapital K und Arbeit L Bier und Zigaretten produzieren ("2x2-Modell"). Im einen wird Bier und im anderen Betrieb werden Zigaretten hergestellt. Die vereinfachenden Annahmen homogener, beliebig teilbarer Güter und fehlender Transaktionskosten sollen auch hier gelten.
Wir gehen davon aus, dass der Bier-Produzent und die Zigaretten-Produzentin verheiratet sind und derzeit jeweils fix vorgegebene Mengen an Kapital und Arbeit je Periode in ihren Betrieben beschäftigen. KB bezeichne dabei das in der Bierproduktion eingesetzte Kapital usw. Während der Betrachtungsperiode sei zwar der Gesamteinsatz von Kapital und Arbeit fest vorgegeben, doch sei andererseits die Aufteilung der Faktoreinsatzmengen zwischen den Betrieben ein Problem unseres Produzentenehepaares. Etwas eleganter formuliert: es geht um die Lösung des Allokationsproblems bei vollkommen unelastischem Faktorangebot. Wir suchen die optimale Faktorallokation.
Aus der Annahme, dass Produzent und Produzentin verheiratet sind, wird eine beiden gemeinsame Zielfunktion abgeleitet. Wären die beiden nicht verheiratet, dann müssten wir uns nämlich Gedanken machen, in welchem Verhältnis sie untereinander die beiden Produktionsfaktoren tauschen würden. Aus dem vorigen Abschnitt wissen wir jedoch, dass dieses Verhältnis unbestimmt ist, solange wir nur zwei (oder wenige) Personen betrachten. Sind sie jedoch verheiratet, unterstellen wir ihnen untereinander perfekt altruistisches Verhalten. Das Tauschproblem entfällt.
Bevor wir wieder mit einer bekannten grafischen Darstellung beginnen,
schließen wir mit der letzten Annahme überlinear-homogene
Produktionsfunktionen aus. Abbildung 1 zeigt eine
Isoquante am Beispiel der Bierproduktion. Mit den Faktoreinsatzmengen KB und LB werden B0 Einheiten Bier hergestellt.
Machen Sie sich an dieser Stelle bitte klar, dass die Steigung
der Isoquante die
Grenzrate der technischen Substitution anzeigt, m. a. W.
angibt, wie viel Einheiten Kapital bei Aufgabe einer Einheit Arbeit notwendig
wären, um die Produktionsmenge konstant zu halten.
Vollkommen analog zur Abbildung 1 ließe sich ein Isoquantenschema
für die Zigarettenproduktion zeichnen; alle Faktoren, die nicht in
der Bierproduktion eingesetzt werden, sollen dort beschäftigt sein.
Ebenso ließen sich vollkommen analog zur Vorgehensweise bei der Konstruktion der
Tauschbox die beiden Diagramme in einer Box zusammenführen. Diese Box nennt
man Produktions-Box. Sie ist in Abbildung 2 dargestellt. Ihre Kantenlänge zeigen den Bestand von Kapital und Arbeit an.
Wenn der Bier-Produzent und seine Zigaretten produzierende Gattin diese
aktuelle Situation betrachten, können sie sich mithilfe eines kleinen
Zahlenbeispiels leicht klarmachen, dass sie mit dem vorgegebenen Faktoreinsatz
auch bessere Produktionsergebnisse erzielen können (oder "die Allokation
nicht pareto-effizient ist" oder "gegen das ökonomische Prinzip
verstoßen wird"). Für dieses Zahlenbeispiel seien folgende
Werte für die physischen
Grenzproduktivitäten angenommen:
Bierproduktion Zigaretten-
produktion Arbeit 4 9 Kapital 2 3
Werden nun aus der Zigarettenproduktion 3 Einheiten Kapital abgezogen, dann muss 1 Einheit Arbeit mehr beschäftigt werden, um die Produktion konstant zu halten. In der Bierproduktion jedoch werden für den Ersatz dieser Einheit Arbeit nur zwei Einheiten Kapital benötigt. Die Produktionsmengen beider Güter können also auch mit einer Einheit Kapital weniger erzeugt werden. Quintessenz: in der Ausgangssituation werden Produktionsfaktoren verschwendet.
Grafisch erkennt man die nicht effiziente Situation an den sich schneidenden
Isoquanten, d. h. an unterschiedlichen Grenzraten der technischen Substitution
in den Produktionen von Bier und Zigaretten. Diese unterschiedlichen
Grenzraten sind auch im Zahlenbeispiel angenommen, da die
Grenzrate
der technischen Substitution dem (negativen, umgekehrten) Verhältnis
der
Grenzproduktivitäten entspricht. Nebenbei: die physischen
Grenzproduktivitäten müssen, um technisch effiziente Allokation zu gewährleisten, in verschiedenen Verwendungen eines Faktors nicht
gleich sein. Sie lassen sich ja auch gar nicht miteinander vergleichen, denn was hätte man denn von einer Information, dass die Grenzproduktivität der Arbeit bei der Produktion von Schlagsahne und Backsteinen jeweils 2 betrüge? Es gilt aber, dass bei
Gewinnmaximierung der Ausgleich
der
Wertgrenzproduktivitäten zwischen verschiedenen Verwendungen
notwendige Bedingung ist, wenn der Faktoreinsatz effizient sein soll. Wenn das nicht der Fall wäre, würde es sich lohnen, den Faktor in die Produktion umzuleiten, bei dem er das höhere Wertgrenzprodukt erbringt.
Haben Produzent und Produzentin einmal die ineffiziente Faktorallokation
erkannt, werden sie sich überlegen, in welcher Weise die Faktoren
zu alloziieren sind, so dass die Verschwendung von Ressourcen unterbleibt.
Analog zu den Überlegungen zur
Tauschbox kann die Produktion
beider Güter augenscheinlich durch eine Bewegung von Punkt P in Abbildung
2 aus in die Linse erhöht werden. Die Produktion von Bier wird dabei
kapitalintensiver, die von Zigaretten arbeitsintensiver, d. h. Kapital wird von der
Zigaretten- in die Bierproduktion und Arbeit von der Bier- in die Zigarettenproduktion
gelenkt.
Die Allokation der Faktoren ist effizient, wenn auf der sogenannten
Effizienzkurve produziert wird, die der
Kontraktkurve in der Tauschbox
entspricht.
Die Effizienzkurve ist der geometrische Ort aller Tangentialpunkte zweier Isoquanten in der Produktions-Box. Auf ihr ist die Grenzrate der technischen Substitution zwischen je zwei Faktoren in allen Verwendungen gleich.
Effizienzkurve in der Produktionsbox.
[Maussensitives Diagramm: Wo die Produktion von Bier kapitalintensiv ist.]
Wie in der Tauschbox wissen wir an dieser Stelle noch nicht, welchen
Punkt auf der Effizienzkurve das Produzentenehepaar wählen wird. Im
Gegensatz zur Theorie des Tausches sind wir hier jedoch in der Lage, diesen
Punkt zu bestimmen, wenn wir dem Ehepaar Gewinnmaximierung unterstellen
und die Marktpreise von Bier und Zigaretten kennen (wir kommen darauf bei der
analytischen Herleitung zurück.). Unter den getroffenen
Annahmen (insbesondere Homogenität der Produktionsfunktionen) existiert
immer eine eindeutige gewinnmaximale Lösung, wenn die Produktionsfunktionen
für beide Güter nicht trivialerweise identisch sind.
Zwar wird die Effizienzkurve häufig so wie in Abbildung 3 eingezeichnet, wo sie die Diagonale der Box schneidet, jedoch wird diese Möglichkeit andererseits ebenso häufig per Annahme ausgeschlossen. Der Grund ist folgender: In allen Punkten auf der Effizienzkurve, die oberhalb der Diagonalen liegen, ist die Produktion von Bier relativ arbeitsintensiv. Schneidet die Effizienzkurve die Diagonale von oben nach unten, so wird Bier zum kaptalintensiv und die Zigaretten zum arbeitsintensiv produzierten Gut. Anwendungen der Theorie des Allgemeinen Gleichgewichts (vor allem in der Theorie des Außenhandels) werden in einem solchen Fall kompliziert. So gesehen ist klar, warum man die ausschließende Annahme trifft. Ob sie der Realität gerecht wird, ist eine andere Frage.