Nach den eingangs genannten Bedingungen darf die Bezeichnung Allgemeines
Gleichgewicht wohl damit begründet werden, dass sich sowohl
alle Haushalte als auch alle Unternehmungen im
Gleichgewicht befinden,
d. h. niemand einen Anlass hat, aufgestellte Pläne zu revidieren.
Sind nun alle Haushalte im Gleichgewicht, dann muss zwangsläufig
die folgende Aussage wahr sein: Durch den freiwilligen Tausch oder eine
angeordnete Umverteilung von Gütern zwischen irgend zwei Haushalten
kann nicht eine Situation eintreten, in der es in einem Haushalt zu einem
höheren Nutzenniveau kommt, ohne dass der andere Haushalt Nutzeneinbußen
hinzunehmen hat.
Diese Aussage werden wir im folgenden noch näher betrachten. Im Grunde handelt es sich bei ihr um das Pareto-Kriterium, das sich an der Schnittstelle zwischen positiver und normativer Theorie befindet, und dem nun der folgende Exkurs gewidmet ist.
Machen Sie sich an dieser Stelle bitte klar, dass es sich beim Pareto-Kriterium um eine Entscheidungsregel handelt. Denken Sie im Lichte dieser Regel über die folgenden Situationen nach:
1. Ein notorischer Schwarzfahrer wird zu einem Monat Gefängnis verurteilt.
2. Ein Politiker behauptet: "Wachstum ist die beste Waffe gegen Armut".
3. Eine Konferenz vereinbart das Prinzip der Einstimmigkeit als Abstimmungsregel.
Zur Vereinfachung betrachten wir eine Gesellschaft mit nur zwei Mitgliedern, die wir Konsument und Konsumentin nennen wollen. Will man den Zustand, in dem sich diese Gesellschaft im Moment befindet, auf irgendeine Art und Weise bewerten, so scheint es offenbar angebracht, bei dieser Bewertung auf beide Gesellschaftsmitglieder Rücksicht zu nehmen. Aus der Formulierung heraus sollte Ihnen klar geworden sein, dass es sich hierbei um ein Werturteil handelt. Niemand könnte es uns verbieten, es für richtig zu halten, bei der Beurteilung des gesellschaftlichen Zustandes allein den Konsumenten zu berücksichtigen. Gleichwohl darf man davon ausgehen, dass sowohl den Konsumenten als auch die Konsumentin einzubeziehen, wohl von den meisten Menschen akzeptiert wird. Wir gehen noch einen kleinen Schritt weiter und fordern, zwischen den beiden Personen soll bei der Beurteilung des gesellschaftlichen Zustandes kein Unterschied qualitativer oder quantitativer Art gemacht werden, sondern ein Zustand A soll immer dann besser sein als ein Zustand B, wenn es in A mindestens einem der beiden besser geht, ohne dass es dem anderen schlechter geht.
Dies ist das
Pareto-Kriterium: In einer Gesellschaft wird Zustand A Zustand B vorgezogen, wenn mindestens ein Individuum A präferiert und alle anderen wenigstens indifferent sind.
Altkanzler Helmut Kohl in seiner Fernsehansprache zur Einführung der Wirtschafts- und Währungsunion am 1. Juli 1990: "Es wird niemandem schlechter gehen als zuvor, dafür vielen besser."
Zugegeben, das Zitat ist etwas aus dem Zusammenhang gerissen. Wenn man es aber wörtlich nimmt, verspricht Kohl den Bürgern eine Verbesserung nach dem Pareto-Kriterium.
So überzeugend dieses Werturteil klingen mag, so selten ist es für praktische Wirtschaftspolitik relevant. Wohl kaum eine einzige wirtschaftspolitische Entscheidung dürfte es je gegeben haben, die in einer gesamten Gesellschaft ohne Gegenstimme geblieben wäre, hätte man in einer Volksabstimmung über sie urteilen lassen. Nehmen wir an, Konsument und Konsumentin ließen sich nur vom Eigennutz leiten, dann wäre in dieser Modellwelt nach dem Pareto-Kriterium von vornherein jede reine Umverteilungsmaßnahme ausgeschlossen, denn einer der beiden würde durch sie ja auf jeden Fall schlechter gestellt als zuvor.
Ein Zustand wird pareto-optimal genannt, wenn sich kein anderer Zustand finden lässt, der nach dem Pareto-Kriterium vorzuziehen wäre.